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Ich, Du hast jetzt einen Termin mit mir!

Fest eingeplant: Meine Termine mit mir selbst. Foto: Sandra Cantzler

Fest eingeplant: Meine Termine mit mir selbst. Foto: Sandra Cantzler

Theoretisch habe ich als Selbstständige alle Freiheiten. Ich bin mein eigener Chef. Niemand sagt mir, wann ich am Schreibtisch zu sitzen haben. Keiner guckt blöd, wenn ich am frühen Nachmittag das Büro verlassen. Wenn ich Lust auf einen Home-Office-Tag habe, dann bleibe ich halt zu Hause. Nicht zu vergessen das entspannte Mittagessen mit befreundeten Freiberuflern. Oder ein nettes Kaffeetrinken am Morgen. Und klar, wenn mir mal nicht nach arbeiten ist, kann ich mir einfach so einen Tag freigeben. Hört sich gut an, oder?

Schon bevor ich in die Selbstständigkeit gestartet bin, war mir klar, dass die Realität vermutlich ganz anders aussehen wird – zumal es da ja auch noch zwei Kinder gibt, für die ich genügend Zeit haben möchte. Tatsächlich sahen die vergangenen drei Jahre oft so aus, dass ich – nachdem der Nachwuchs in die Schule und den Kindergarten gebracht worden war – schnellstens Richtung Büro geradelt bin. Auf dem Weg noch schnell was einkaufen/zur Bank/zur Post. Dann fünf bis acht Stunden am Schreibtisch. Mittagspause? Meistens ein Brot und ein Apfel am Schreibtisch. An den Nicht-Büronachmittagen die Kinder wieder einsammeln, Freunde mitnehmen, Haushalt erledigen, kochen… An den Nachmittagen im Büro: Weiterarbeiten, aber flott. Am Feierabend schnell nach Hause und ins After-Work-Programm einsteigen. Und wenn die Kinder im Bett sind: Weiterarbeiten.

Vermutlich geht es nicht anders, wenn man anfängt, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Als Gründer freut man sich über jeden Auftrag, der kommt und versucht, alles optimal zu erledigen – schnell, gut, zuverlässig. Auch wenn das häufiger lange Abende und kurze Wochenenden bedeutet. Es ist toll, wenn alles so gut läuft. Außerdem nimmt es einem natürlich die große Sorge, finanziell über die Runden zu kommen.

Aber irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Mir wird alles zuviel – und mir fehlt was. In meinem Leben war neben Familie, Job und dem Alltagskram kein Platz mehr für mich. Das zu erkennen, war eine Sache. Daran etwas zu ändern eine ganz andere. Es ging nicht nur darum, nach drei anstrengenden Jahren einen Gang runterzuschalten. Es ging um eine grundsätzliche Kurskorrektur. Geholfen hat mir letztendlich, dass ich richtig krank geworden bin. So krank, dass ich wirklich nur im Bett liegen konnte (ganz gegen meine Gewohnheit, spätetens am zweiten Krankheitstag Fenster zu putzen, Unterlagen zu ordnen, Möbel umzustellen…).

Ebenfalls gegen meine Gewohnheit habe ich die Krankheit ernst genommen – als Warnung, dass ich so was nicht noch mal erleben möchte. Klar war mir, dass ich a) weniger arbeiten muss, b) mehr Aufgaben delegieren sollte und c) die gewonnene Zeit nicht vor dem Fernseher verplempere. Solche klugen Gedanken hatte ich auch schon vor meinem Ausfall. Dieses Mal war ich aber schlauer: Als ausgesprochene Freundin von Listen und guter Planung habe ich mir einen Plan gemacht. Seitdem gibt es in meinem Kalender feste Ich-Termine, die wirklich nur in absoluten Notfällen verschoben werden.

Zu diesen Ich-Terminen gehören im Wesentlichen drei- bis viermal die Woche Sport (in einer festen Gruppe, bei meiner Lieblingstrainerin oder mit einer Freundin – das macht das Schwänzen schwieriger), Verabredungen mit Freunden und Unternehmungen mit dem Mann. Zu meiner eigenen Überraschung funktioniert dieser Plan ganz hervorragend und ich bin wesentlich glücklicher als noch vor ein paar Wochen.

Damit das klappt, haben wir in der Familie einige Dinge reorganisiert:

  • Meine Sporttermine liegen jetzt in etwa parallel mit denen des großen Kindes. Das heißt, ich bringe ihn erst ins Schwimmbad, dann flitze ich zur Sporthalle und anschließend hole ich ihn wieder ab. Mein Sohn muss dann ein paar Minuten auf mich warten, aber hey: Wie viele Minuten habe ich schon auf mein Kind gewartet?
  • Mein Mann ist jetzt häufiger mit den Kindern allein, abends und auch mal am Wochenende. Umgekehrt bleibt er manchmal länger im Büro und ich habe alleine Abendschicht mit unserem Nachwuchs. Bis jetzt scheint aber niemand wirklich darunter zu leiden, dass es nicht mehr jeden Abend ein gemeinsames Abendbrot gibt (Erkenntnis: Man muss manchmal einfach nur loslassen können. Und: Die Kinder sind größer, als ich gedacht habe).
  • Ich nehme Hilfe an: Wir haben für drei Stunden in der Woche eine Haushaltshilfe, die putzt und aufräumt und ganz hervorragend bügelt. Ich bräuchte locker sechs Stunden dafür. Von daher: Gut angelegtes Geld. Und wenn der Mann fragt, ob er den Wocheneinkauf erledigen soll: Aber gerne.
  • Der Fernseher bleibt aus, weitestgehend. Wenn ich zuhause bin, bin ich auch wirklich da und gucke nicht in die Röhre. Unglaublich, wie viel Zeit allein dadurch frei wird (obwohl ich schon vorher definitiv keine Viel-Guckerin war).
  • Ich arbeite etwas weniger. Das heißt, ich nehme neben meinen festen Aufträgen derzeit nichts nebenher an. Natürlich verdiene ich dadurch auch etwas weniger Geld, aber wir kommen trotzdem ganz gut über die Runden. Und wenn es zu knapp wird, muss ich halt wieder etwas mehr tun.

Fazit: Auch im Selbstständigen-mit-Kind-Leben gibt es genügend Platz für einen selbst. Allerdings tun sich diese Freiräume nicht von selbst auf. Man muss sie sich schaffen, sie sich nehmen. Und der Rest der Familie muss mitziehen. Klar ist, dass das nicht in allen Phasen funktioniert. Es wird immer mal wieder Wochen geben, in denen soviel los ist, dass ein Ich-Termin wegfällt. Oder es kommt ein Extra-Auftrag, zu dem man einfach nicht nein sagen kann.

Ich merke aber schon nach ein paar Wochen, wieviel Energie mir die Ich-Termine geben und wie viel Spaß mir dadurch auch wieder alle anderen Aufgaben machen. Von daher kann ich Ich-Verabredungen nur empfehlen. Oder habt Ihr noch weitere Tipps auf Lager, wie Ihr Familie, Job und eigene Bedürfnisse unter einen Hut bekommt?

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Sandra, Texterin und Mutter, lebt mit Ellie, Mo und Christoph in Hamburg

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