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Feierabend ?!

Es könnte alles so schön sein - wenn nur das eigene schlechte Gewissen nicht wäre... Foto: S. Cantzler

Ich geb es gern zu: abends bin ich froh, wenn Feierabend ist. Wenn der Kleine nach der Gutenachtgeschichte und dem obligatorischen “Schönsten-Moment-des-Tages-Kuscheln” in seinen Kissen versunken, der eigene Job soweit erledigt und der Wäschekorb zumindest so tief in eine dunkle Ecke des Bades geschoben ist, dass ich nicht über den ungebügelten Berg stolpere, wenn ich den Raum betrete. Sofa, Füße hoch, ein Buch oder – zum Leidwesen meiner besseren Hälfte, die das permanente Klappern der Nadeln nervt – mein Strickzeug – und der ersehnte Feierabend kann beginnen.

Könnte. Wenn da nicht das schlechte Gewissen wäre.

Das erste Dilemma: Es ist MEIN schlechtes Gewissen. Dabei habe ich – siehe oben – alles erledigt oder zumindest aus dem Blickfeld getilgt. Dennoch nagt es in mir. Unentwegt. Unaufhörlich. Und unerträglich. Doch es betrifft mich nicht einmal! ICH habe ein schlechtes Gewissen, weil meine zwei Teenager mal wieder viel zu wenig für die Schule getan haben. Hausaufgaben? “Im Bus, Mama!” Vokabeln? “Morgen im Bus, Mama!” Und sonstige Abfragen? “Heute nicht!”

Das zweite Dilemma: SIE haben KEIN schlechtes Gewissen! Sitzen in ihren Zimmern, chatten, hören Musik, surfen auf Facebook. Sehr entspannt.

Seufzend raffe ich mich dann doch regelmäßig auf, quäle mich vom Sofa weg und ernte genervte Blicke, wenn ich an der Zimmertür erscheine. Die Stimmung sinkt schlagartig – auf beiden Seiten. Die Teenies fühlen sich belästigt, ich auch.

Aus dieser Situation führen zwei Wege: Entweder ich setze mich mit strenger Konsequenz durch. Dann landen wir in der Küche, bepackt mit halb zerfledderten Heften und Büchern, untermalt von tiefen Seufzern und gewürzt mit schlechter Laune. Motiviertes Lernen, das Pädagogen und Lerntherapeuten Eltern so gern anraten, hatte ich mir netter vorgestellt. Effektivität schaut eigentlich auch anders aus.

Oder ich resigniere und verkünde in halb beleidigtem, halb vorwurfsvollem Ton: “Gut, dann eben nicht. Ihr seid alt genug und müsst die Konsequenzen selber tragen. Ihr lernt ja nicht für mich, sondern für Euch.” Dabei hör ich mir entsetzt selbst zu und finde, ich klinge wie ein Pfarrer in der Kirche, jeden Sonntag derselbe Sermon….

So oder so: Dem Notenspiegel der Teenies hilft das nicht. Und der Harmonie Zuhause auch nicht.

Deshalb die neueste Idee: Ein festes Date abends ab sechs. Für jeweils maximal dreißig Minuten – und ohne drumherum Energie für Diskussionen zu verschwenden. Erscheint der jeweilige Teenie zu dem Date, wird abgefragt, was er für sinnvoll hält. Erscheint er nicht, trägt er selbst die Verantwortung.

Klingt nach einer netten Theorie aus dem Lehrbuch “Wie arrangiere ich mich mit der Pubertät meiner Mitbewohner”. Aber es funktioniert! Nicht immer, und auch nicht immer mit Begeisterung und fröhlicher Miene (beiderseits), aber deutlich besser als alle Modelle vorher.

Ergänzung von Sandra: Meine Beiden sind ja noch weit weg von der Pubertät. Deine Erfahrung kann ich aber bestätigen: Je älter die Kinder werden, desto mehr Verantwortung sollten sie übernehmen beziehungsweise müssen wir ihnen überlassen. Dinge selber zu regeln tut gut und ist eine unglaublich wichtige Erfahrung. Wenn wir als Eltern uns jeden Schuh anziehen, ertrinken wir irgendwann in lauter Aufgaben und entwickeln uns zu den belächelten Helikopter-Muttis, die ihren Nachwuchs auch noch in die Uni begleiten…

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