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Selbstständig mit Kind: Weshalb ich ein Mompreneur wurde

Erfüllung finden, die eigenen Talente entfalten und selber Chef sein: Für Frauen sind das die wichtigsten Gründungsmotive. Grafik: HypoVereinsbank

Ich bin das, was man seit einiger Zeit als “Mompreneur”: Mütter, die aus der Elternzeit nicht mehr in die Festanstellung zurückkehren, sondern ihr eigenes Unternehmen gründen. Bei mir fiel der Start in die Selbstständigkeit mit der Geburt von Kind Nummer 2 zusammen. Darüber nachgedacht hatte ich allerdings schon viel länger. Zum einen, weil es schon mit einem Kind schwierig war, starre Arbeitszeiten und Familienleben unter einen Hut zu bekommen. Zum anderen, weil mir durch meine Teilzeitstelle jegliche Entwicklungsperspektive in meinem Job fehlte. Trotzdem fehlte mir das letzte Stückchen Mut, den Sprung zu wagen – ich brauchten erst den entscheidenden Anstoß von außen.

Damit befinde ich mich in guter Gesellschaft. Frauen brauchen länger, bis sie eine Geschäftsidee umsetzen. Laut der Gründerinnen-Studie der Hypo-Vereinsbank haben 75 Prozent der befragten Unternehmerinnen lange über ihr Konzept nachgedacht, viele über mehrere Jahre. Nur 25 Prozent machten schnell Nägel mit Köpfen. Das hört sich erst einmal nach typisch weiblichem Zaudern und Zögern an. Positiv kann man aber auch sagen: Frauen arbeiten so lange an ihren Konzepten, bis sie wirklich tragfähig sind. Denn laut Statistik gründen Frauen zwar noch immer wesentlich seltener als Männer, dafür sind weibliche Gründungen jedoch meistens langfristig erfolgreich.

Ich selbst habe mich vor rund vier Jahren selbstständig gemacht und freue mich nach wie vor (fast) jeden Tag darüber, mein eigener Chef zu sein. Beschleunigt wurde meine Entscheidung durch den Umzug meines Arbeitsplatzes in eine andere Stadt. Ich hatte die Möglichkeit – mit ordentlich Vorlauf und einer guten Abfindung – während der Elternzeit etwas Eigenes zu starten. Mit Säuglinh auf dem Arm (beziehungsweise später einem Krabbelkind unter dem Tisch) war das nicht immer einfach, aber es hat sich gelohnt, in mehrfacher Hinsicht.

 

1. Nieder mit der Anwesenheitspflicht

An den meisten Tagen sitze ich ziemlich pünktlich am Schreibtisch. Ich versuche, meine begrenzte Arbeitszeit so effektiv wie möglich zu nutzen. Mal zwischendurch einen Kaffeetrinken gehen? Eher selten. Dafür habe ich schlicht und einfach zu viel zu tun. Im Gegensatz zu meinen Zeiten als Festangestellte ist es aber heute kein Drama mehr, wenn ein Kind krank wird, die Kita streikt, ich einen Arzttermin am Vormittag habe oder auf dem Weg ins Büro noch schnell etwas einkaufen gehe.

Kein Anrennen gegen die Uhr, weil die Morgenkonferenz gleich beginnt, das kleine Kind mir in der Kita aber unbedingt noch etwas zeigen möchte. Keiner mehr, der sich vor meinem Schreibtisch aufbaut und mir erzählt, wie viele Tage ich in den vergangenen zwei Jahren wegen Krankheiten des großen Kindes gefehlt habe (nur zur Info: Es waren ganze 6). Das Leben mit Kindern ist nur schwer planbar – was wiederum nur schwer zum durchgeplanten Büroalltag passt.

Natürlich muss ich meine Arbeit schaffen und Termine einhalten. Zur Sicherheit arbeite ich immer mit einem kleinen Puffer. Verpasste Arbeitszeit kann ich abends oder auch mal am Wochenende nachholen – es ist egal, wann ich arbeite, hauptsache, ich halte meine Deadlines ein. Dafür lasse ich dann aber auch gelegentlich Büro Büro sein und gebe mir selbst früher frei. Insgesamt arbeite ich jetzt eher mehr als früher und natürlich ist es auch als Selbstständige oft stressig, die flexibleren Arbeitszeiten machen es mir aber wesentlich leichter, Job, Kinder, Mann und Freunde einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen.

2. Eigene Potenziale nutzen

“Wenn Du keine goldenen Löffel mitnimmst, kannst Du den Job bis zur Rente machen”, hat mein Mann gerne über meinen früheren Arbeitsplatz gesagt. Mir wurde immer leicht flau im Magen bei der Aussicht, noch mehr als 30 Jahre lang Woche für Woche im Prinzip das Selbe zu machen. Wie gesagt, große Entwicklungsperspektiven gab es nicht. Nicht in Teilzeit, nicht mit Kindern. Und dann war da dieses immer stärker werdende Gefühl: Da geht noch was – da steckt mehr in mir drin.

Tatsächlich ist das für mich einer der schönsten Aspekte meiner Selbstständigkeit. Langeweile ist die absolute Ausnahme. Ich werde wirklich gefordert. Für neue Projekte muss ich immer wieder ins kalte Wasser springen. Ich lerne dabei unendlich viel, nicht nur fachlich, sondern auch menschlich. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich der Mut, unbekanntes Terrain zu betreten und an die eigenen Grenzen zu gehen, auszahlt – ein Projekt ergibt ganz oft das andere. Aus einer Sache, die ich nur aus Neugier angefangen habe, wird plötzlich ein Auftrag.

Es ist toll, diese Erfahrung mit meinen Kindern teilen zu können. Ihnen zu vermitteln, dass man sich mit neuen Entwicklungen, Technologien und Menschen auseinandersetzen muss, um sich selber weiterentwickeln zu können. Ihnen zu zeigen, wie viele Dinge im Leben man lernen kann, wenn man will. Buchhaltung und die Anfertigung von Steuererklärungen zähle ich allerdings ausdrücklich nicht dazu…

3. Verantwortung übernehmen

Ob mein Laden läuft oder nicht, hängt von mir ab. Wenn ich einen Fehler mache, muss ich dafür gerade stehen. Wenn mich etwas stört, muss ich es ändern. Egal, ob es ein aufmuckender Rechner ist oder ein Kunde, der immer wieder in absolut letzter Minute mit Aufträgen um die Ecke kommt. Auf der anderen Seite kann ich selber darüber entscheiden, mit wem ich zusammenarbeiten möchte und welche Projekte ich annehme. Ich kann in die unterschiedlichsten Richtungen denken, meinen Weg immer wieder korrigieren und neue Dinge an den Start bringen. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig, ich muss nicht um jeden Preis wachsen.

4. Was ist meine Arbeit wert?

Mein Gehalt in meinem festen Job war okay. Nicht berauschend, aber ausreichend. Mit meiner Teilzeit-Selbstständigkeit verdiene ich inzwischen mehr, trotz der höheren Ausgaben, etwa für das Büro oder die Krankenkasse. Es bleibt genug übrig, um Reserven für schlechtere Zeiten anzulegen. Das beruhigt meine Nerven enorm und hält mir den Kopf frei für andere Dinge.

Mindestens so wichtig wie das Geld ist jedoch die Wertschätzung, die meiner Arbeit  entgegengebracht wird. Dass Kunden mich Projekte komplett eigenständig abwickeln lassen, weil sie mir vertrauen. Dass offen diskutiert und auch mal kritisiert wird, dass es dabei aber nie verletzend oder persönlich wird. Nicht zuletzt, dass von mir (mit-)entwickelte Ideen zeitnah umgesetzt werden und nicht irgendwo als Wiedervorlage versanden.

Fazit

Mompreneurs mögen derzeit als hip gelten, sich als Mutter selbstständig zu machen ist aber dennoch kein Kinderspiel. Es gibt Durststrecken, es gibt echte Tiefpunkte und die Doppelbelastung erfordert viel Durchhaltevermögen. Man stellt sich immer wieder die Frage: Lohnt sich das eigentlich? Ich denke: Ja, es lohnt sich. In meinem Umkreis gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Müttern, die sich mit den unterschiedlichsten Ideen selbstständig gemacht, sich ihren Job um ihre Bedürfnisse herum gebaut haben – und damit wesentlich zufriedener sind als mit dem Angestelltendasein. Es kommt auf einen durchdachten Plan und den richtigen Zeitpunkt an – und natürlich auch auf ein bisschen Glück und gute Kontakte. Wie immer im Leben.
 

 

Veröffentlicht von

Sandra, Texterin und Mutter, lebt mit Ellie, Mo und Christoph in Hamburg

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