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Selbstständig mit Kind – eine Bilanz

Fünf Jahre als mein eigener Chef – mit Kindern. Was ich in dieser Zeit gelernt habe.

Foto: Deathtothestockphoto.com

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Je kleiner das Kind, desto einfacher läuft das mit der Selbstständigkeit

Ist so, wirklich, auch wenn mir dass jetzt keine Neugeborenen-Mutter glauben möchte. Trotz Schlafentzug, Stilldemenz und Entwicklungsschüben in den ersten Wochen und Monaten. Weil so ein ganz kleines Baby noch relativ viel schläft, man es fast überall hin mitnehmen, leicht auf dem Arm tragen und es auch mal länger im Wagen schieben kann, ohne dass gleich der Alarm losgeht. Kleine Babys reißen nichts herunter und nichts um. Und sie sind so niedlich, dass sich kaum jemand entziehen kann.

Sobald Kinder robben, rutschen oder krabbeln, wird es wesentlich schwieriger. Weil zum Beispiel das Ladekabel vom Computer genüsslich durchgekaut wird. Oder Unterlagen freudestrahlend in kleine Schnipsel zerrissen werden. Und weil Einjährige überhaupt keine Lust haben, unter lauter Erwachsenen in einem Büro zu sitzen und sich irgendwie selber zu beschäftigen.

Was ich fast nie gemacht habe: Den Rat zu befolgen, sich auch hinzulegen, wenn das Baby schläft. Stattdessen habe ich in dieser Zeit meistens gearbeitet. Das ist nicht unbedingt toll gewesen, aber da klar war, dass ich von meiner Gründung relativ schnell leben können muss, blieb mir nicht viel anderes übrig. Im Nachhinein war es auch eine ganz gute Übung für die Nachtschichten, die man als Selbstständiger sowieso immer mal wieder einlegen muss.

Kinder sind ein wichtiger Teil des Unternehmens

Meine Tochter ist quasi meine Co-Gründerin. Als sie zwei Wochen alt war, hatten wir unseren ersten gemeinsamen Anwaltstermin, bei dem ich zu meinen Gründungsplänen beraten wurde – und das Kind Infos zum Taschengeldparagraphen bekam. Zum Ende unseres Gesprächs hatte sich die halbe Kanzlei um das Baby versammelt und bespaßte es.

Auch in den Wochen und Monaten danach hatte ich meine Tochter immer wieder auf Besprechungen und Terminen dabei. Ich habe vorher immer nachgefragt, ob dass für meine Gesprächspartner in Ordnung ist – ansonsten hätte ich nach anderen Lösungen oder einem alternativen Termin suchen müssen. Musste ich zumindest meiner Erinnerung nach aber nie. Die Akzeptanz war viel größer, als ich es aufgrund meiner Erfahrungen in der Festanstellung erwartet hatte und ich hatte auch nicht den Eindruck, als unprofessionell angesehen zu werden.

Es gibt keinen Mütter-Bonus

Kinder werden häufiger mal krank. Die Kita hat Schließtage. Es gibt jede Menge zusätzliche Termine. Die Arbeit muss trotzdem erledigt werden. Pünktlich zum vereinbarten Termin. Sorgfältig und möglichst fehlerfrei, auch wenn man zigmal vom fiebernden Kind unterbrochen wird. Alles andere zählt für den Auftraggeber wenig bis nichts. Wenn ich das als Selbstständiger nicht hinbekomme, sind Aufträge schnell weg.

Solche Situationen habe ich am Anfang als extrem stressig empfunden. Plötzlich war da das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst, zu viel wird und keiner Verständnis für mich hat. Ganz weg ist dieser Druck auch nach fünf Jahren noch nicht, aber er ist weniger geworden.

Wenn gar nichts mehr geht, nehme ich die Dinge inzwischen, wie sie sind. So ein Krankentag zuhause kann auch ganz wunderbar sein, wenn man gemeinsam CDs hört, Bücher vorliest, Kartoffelbrei (oder andere Lieblingsgerichte) kocht und die Arbeit Arbeit sein lässt.

Extrem hilfreich ist es, sich Puffer einzubauen – also immer mit ordentlich Vorlauf zu arbeiten und seine Sachen früher als erwartet fertig zu haben. Denn die nächste Katastrophe kommt bestimmt. Ganz bestimmt.

Und jetzt: Alle machen mit

Selbstständig sein mit Kind ist toll. Vorausgesetzt, alle Beteiligten ziehen mit und man hat ein Netzwerk, auf das man sich verlassen kann. Mein Mann war nie etwas anderes als selbstständig. Von daher konnte er vieles gut nachvollziehen und hat mich immer unterstützt. Harte Verhandlungen um die Arbeitszeiten und die Pflichtenverteilung im Haushalt gibt es zwischen uns trotzdem nach wie vor. Immerhin haben wir inzwischen eine konstruktive Streitkultur entwickelt.

Ohne Oma, Opa, Tanten, Onkel, Nichten und gute Freunde wären wir ziemlich oft verloren. Nicht nur in Notlagen, sondern überhaupt. Weil es zum Beispiel eine grandiose Sache ist, dass seit kurzem die Oma mit dem kleinen Kind am Donnerstagnachmittag zum Turnen geht und ich so zwei Stunden mehr Zeit habe – meistens zum Arbeiten, manchmal aber einfach auch zum Luftholen. Zum in Ruhe ein Geschenk einkaufen. Zum Wohnung aufräumen. Zum Friseur gehen. Zum Blogartikel schreiben.

Was ich lernen musste: Hilfe anzunehmen und nicht alles selber wuppen zu wollen. Und auch mal laut und deutlich zu sagen, dass ich Unterstützung brauche. Ist immer noch keine leichte Übung für mich, erleichtert das Leben aber ungemein.

Bis hierher und nicht weiter

An was ich auch noch immer arbeite: Grenzenziehen. Wie weit dürfen sich Arbeit und (Familien-)Leben vermischen? Was kann ich arbeitstechnisch leisten? Wie viel kann ich neben dem Job noch schaffen?

Ich finde, das Abgrenzen zwischen Job und Freizeit ist als Selbstständige ganz schön schwer. Weil ich erstens natürlich sehr gerne arbeite und zweitens nie alles erledigt ist. Es steht immer mehr auf der To-do-Liste, als ich gebacken bekommen. Vermutlich muss man einfach lernen, mit diesem Gefühl des Nie-fertig-werdens zu leben. Oder die To-do-Listen auf die absolut wesentlichen (und realistischen) Punkte eindampfen, um sich Erfolgserlebnisse zu bescheren. Was ich auf jeden Fall weiß: Irgendwann muss der Rechner runtergefahren werden, damit noch Zeit für andere Dinge bleibt. Ansonsten werde ich auf Dauer unzufrieden.

Eng damit zusammenhängt die Erfahrung, dass man als Selbstständiger mit Kind nur eine begrenzte Arbeitszeit hat und deswegen nicht jedes Projekt übernehmen kann – auch wenn es noch so interessant oder lukrativ wäre. Im Moment arbeite ich etwas 30 Stunden in der Woche. Wenn viel anliegt, kann ich abends oder am Wochenende noch einmal ein paar Stunden draufpacken. Aber mehr als 40 Stunden sind auf Dauer nicht drin – und so viel arbeiten möchte ich in dieser Phase meines Lebens auch gar nicht. Wenn die Kinder größer sind, dann bestimmt wieder gerne. Aber für den Moment passt es genauso, wie es ist. Weil ich vieles, was ich jetzt jenseits der Arbeit mache und erlebe nicht später nachholen kann.

It pays the rent

Ich arbeite gerne. Ich mag das, was ich täglich mache. Trotzdem gibt es da immer wieder diese Momente in denen ich mir denke, war’s das jetzt? Will ich mein Leben lang Texte schreiben oder nicht vielleicht doch nochmal einen eigenen Roman? Muss da nicht noch was anderes kommen?

Spätestens am Geldautomaten bin ich dann wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen und ganz zufrieden damit, wie es läuft. Es ist schön, nicht immer auf de Cent achten zu müssen. Eine tolle Wohnung mitten in Hamburg zu haben. Seinen Kindern Wünschen erfüllen und einmal im Jahr in den Urlaub fahren zu können. Das klappt alles nur, weil ich neben den Sahnetorten-Aufträgen auch jede Menge Butterbrot-Jobs erledige. Die sind nicht mein Traum, die zahlen aber unsere Miete.

Natürlich ist Geld nicht alles und man sollte sich dafür nicht verbiegen. Aber es gibt mir eine große Sicherheit, ein finanzielles Polster auf dem Konto zu haben. Weiß ja keiner, ob es so gut weitergeht wie in den vergangenen fünf Jahren. Und als Selbstständiger mit Kind hat man einfach eine ganz andere Verantwortung als ein Gründer ohne Kind.

Es ist nicht immer leicht, aber vieles ist leichter

Einfach mal abschalten. Keine Mails checken müssen. Für Kunden nicht erreichbar sein. Weil das die lieben Kollegen alles für einen erledigen. Urlaub machen, ohne vorher vor- und nachher nacharbeiten zu müssen. Ungefähr so war das in meinem alten Leben als Angestellte in einem großen Unternehmen. Das war super.

Auf der anderen Seite war jeder Kinderarztbesuch, jede Verabredung vor 16 Uhr und jedes Elterngespräch in der Kita ein größerer Organisationsakt, der Wochen vorher beantragt werden und mit einem halben Urlaubstag oder Nachsitzen beglichen werden musste. Von den Fehltagen wegen kranker Kinder gar nicht zu sprechen.

Sich mit Kindern selbstständig zu machen ist alles andere als ein Spaziergang. Trotzdem würde ich es sofort wieder machen. Allein für die Freiheit, die Flexibilität und auch das Stückchen Abenteuer, dass damit in unser Leben eingezogen ist. Man steht plötzlich vor Herausforderungen, bei denen man denkt: “Schaff ich nicht. Kann ich nicht. Will ich nicht.” Und dann schafft man es doch und wächst an diesen Aufgaben und ist vielleicht ja auch ein Vorbild für seine Kinder. Betonung auf vielleicht. Denn vielleicht sehen die meine Selbstständigkeit ja auch ganz anders – und werden später mal Beamte oder so.

 

 

 

Veröffentlicht von

Sandra, Texterin und Mutter, lebt mit Ellie, Mo und Christoph in Hamburg

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