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Zähne zusammenbeißen

Der Angst in die Augen sehen und sie dann über Bord werfen - klappt mit genügend Ausdauer im Beruf und manchmal auch beim Zahnarzt. Foto: unsplash.com/David Di Veroli

Ich war heute beim Zahnarzt. Eigentlich hätte ich erst in zwei Wochen da sein müssen. Aber meine Zahnarzt-Angst hat offenbar dazu geführt, dass ich mir den Termin zwei Woche verfrüht in den Kalender geschrieben habe. Weil meine Zahnärztin weiß, wieviele Nerven mich dieser Termin kostet, dürfte ich ohne Termin bleiben. Tatsächlich war es dieses Mal mit der Angst aber gar nicht so schlimm. Nicht vorher (es gab schon Zahnarzttermine, bei denen ich zwei Wochen vorher Schlafstörungen und schlimme Träume bekam) und auch nicht, als ich mich auf den Behandlungsstuhl setzen musste. Für meine Verhältnisse war ich sogar ziemlich entspannt – und begann während der Prophylaxe-Behandlung darüber nachzudenken, woran das liegen könnte.

Moment, nachdenken während die Zahnarzthelferin mit allerhand Gerätschaften in meinem Mund herumwerkelt? Es kommt noch besser: Vor dem Nachdenken wäre ich fast weggedämmert. Für einen kurzen Moment hatte ich Zweifel, ob wirklich ich da im Stuhl sitze. Und dann sprang das Gedankenkarussel an: Wieso verursachte mir etwas, das ich mein ganzes Leben lang als absolut furchtbar empfunden hatte, plötzlich offenbar nicht mal mehr einen Funken Angst?

Gedanke 1: Ich mag meine Zahnärztin. Die ist fröhlich und fix und macht ihren Job wirklich gut – was bei vielen der Zahnärzte, bei denen ich bisher war, leider nicht immer der Fall war. Vom Schlachtergesellen bis zur nebenbei mit ihrem Reisebüro telefonierenden Jungärztin, die sich mit sinnfreien Bohrungen und Luxusfüllungen ihren Costa Rica-Urlaub finanzierte, war da alles dabei. Über Jahre habe ich das hingenommen, auch wenn ich mich geärgert habe und unglücklich war. Und genau das ist Quatsch: Wenn man mit etwas oder jemandem nicht zufrieden ist, sollte man seine Konsequenzen ziehen und nach einer besseren Lösung suchen. So lange, bis man möglichst nahe am Optimum ist. Gilt nicht nur für die Zahnarztsuche, sondern zum Beispiel auch für den Job.

Gedanke 2: Mir ein Vorbild an meinen Kindern nehmen. Meine Kinder sind mutig. Die trauen sich Dinge zu, an die ich in ihrem Alter nicht mal gedacht hätte. Und sie gehen ausgesprochen gerne zum Zahnarzt. Sie fragen sogar, wann sie mal wieder dahin dürfen. Weil es an der Decke über dem Behandlungsstuhl einen Bildschirm gibt, auf dem Tom und Jerry läuft.  Außerdem haben sie bisher glücklicherweise keine fiesen Bohr-Erfahrungen machen müssen – nicht zuletzt, weil die Süßigkeiten von uns Eltern ziemlich rationiert werden und wir beim Zähneputzen echt streng sind.

Daraus folgt Gedanke 3: Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Wenn ich mich zwischen den Prophylaxe-Terminen weitgehend an die Tipps der Ärztin halte, habe ich mit ziemlicher Sicherheit bei der Behandlung nicht viel zu befürchten. Ich habe es also weitgehend selbst in der Hand, ob ich panisch oder entspannt in die Praxis komme. Mag beim Thema Zahnarzt für die meisten Menschen banal klingen. Lässt sich aber ebenfalls zum Beispiel auf das Arbeitsleben übertragen: Wenn ich mich mit einem Thema auseinandersetze, mich einarbeite und Wissen sammle, bin ich bestimmten Dingen nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern habe selber die Kontrolle. Zumindest mich beruhigt es ungemein, etwa bei der Steuer oder bei Computerproblemen nicht komplett im Dunklen zu tappen.

Soweit meine heutigen Gedanken auf dem Zahnarztstuhl. Nach der Stunde war ich dann trotz Nicht-Angst erstmal ziemlich erledigt – 60 Minuten lang mit offenem Mund sprachlos dazuliegen ist nicht wirklich meins. Als Ausgleich habe ich mich mit einem neuen Paar Schuhe belohnt. Die Zahnarztpraxis liegt direkt gegenüber von einem Einkaufszentrum. Noch ein ganz klarer Pluspunkt.

Titelbild: unsplash.com/David Di Veroli

 

 

Veröffentlicht von

Sandra, Texterin und Mutter, lebt mit Ellie, Mo und Christoph in Hamburg

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