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Buy nothing new. Oder: Die Grenzen der familiären Nachhaltigkeit

Tauschen statt kaufen, leihen statt konsumieren: Buy nothing new. Foto: buynothingproject.org

Das kleine Kind ist mit Abstand das nachhaltigste Mitglied unserer Familie. Seit seiner Geburt trägt es hauptsächlich geerbte Sachen. Es spielt mit dem Spielzeug, dass auch schon der große Bruder hatte. Es fährt auf Fahrrädern, die sichtlich schon viele Vorbesitzer hatten. Protest dagegen gibt es so gut wie nie. Lediglich bei den Schuhen wird gelegentlich moniert, dass diese zu “jungsig” seien. Werden Sachen zu klein oder zu langweilig, gibt das kleine Kind sie ohne Zögern weiter – zuletzt ihren roten Roller, eines der wenigen Teile, das sie mal neu bekommen hatte.

Seit mindestens einem halben Jahr spricht das kleine Kind davon, unbedingt einen größeren Roller haben zu wollen, genau so einen wie die Kita-Kumpels. Wir Eltern haben sie immer wieder vertröstet und den Lenker des kleinen Rollers noch ein Stück nach oben verstellt. Geht doch. Zumindest aus unserer Sicht. Nachdem wir aber vergangene Woche den kleinen Roller unkompliziert verkaufen konnten, stand für das kleine Kind und für mich fest, dass es jetzt einen schönen neuen, größeren Roller gibt. Also haben wir uns die vor der Kita geparkten Exemplare angesehen. Dann im Internet recherchiert. Preise verglichen. Bewertungen gelesen.

Das kleine Kind hatte sehr schnell einen Favoriten. Und weil der Mann ja Besitzer eines Amazon-Prime-Accounts ist, sollte er den neuen Roller gleich bestellen. Tat er aber nicht. Stattdessen begann eine Diskussion darüber, ob man nicht noch bei den großen Nichten oder Nachbarn mit mittlerweile erwachsenen Kindern nachfragen könnte. Ja, kann man. Und nö, muss man nicht. Zumindest nicht, wenn das Kind sonst zu 75 Prozent Second Hand lebt. Weil auch Nachhaltigkeit ihre Grenzen haben muss und man das Verständnis einer Fünfjährigen nicht überstrapazieren sollte – sonst kann die Stimmung erfahrungsgemäß auch ganz schnell kippen.

Zwei Tage nach der Bestellung ist der neue Roller bei uns angekommen. Für das kleine Kind war es “der schönste Tag meines Lebens”. Nimm das, Papa!

Wobei der Mann prinzipiell natürlich recht hat. Es ist wichtig, bewusst zu konsumieren und das auch seinen Kinder vorzuleben beziehungsweise beizubringen. Ich kaufe selber viel Second-Hand-Sachen, mache Tausch-Partys mit Freundinnen, bringe ausrangierte Sachen auf den Flohmarkt und vermeide mittlerweile spontanes Powershopping. Über größere Anschaffungen denken wir immer erst gründlich nach (siehe Roller). Was nicht nur am Nachhaltigkeitsgedanken liegt, sondern auch an der Tatsache, dass wir in einer nicht allzu großen Stadtwohnung leben.

Trotz aller Bemühungen sammeln sich im Lauf der Zeit immer wieder Dinge an, die wir nicht (mehr) brauchen oder die nicht (mehr) passen. Für viele Sachen finden wir einen Abnehmer, aber eben nicht für alle. Und natürlich gibt es auf der anderen Seite auch eine ganze Reihe von Wünschen, die wir haben. Im Zuge der Roller-Diskussion habe ich angefangen, darüber nachzudenken, wie sich beide Seiten besser als bisher zusammenbringen lassen. Dabei bin ich auf das Projekt “Buy nothing new” gestoßen.

Buy nothing new ist eine Community, die sich über das Internet und lokale Facebook-Gruppen organisiert. Innerhalb dieser Gruppen werden Dinge getauscht, verschenkt und geteilt. Man kann anbieten, nachfragen und sich mit anderen Leuten vernetzen. Hört sich gut an, hat nur einen Haken: Es gibt zwar bereits mehrere hundert Gruppen überall in der Welt, aber leider nicht in Deutschland. Die Lösung: Ich habe bei Buy nothing new eine Anfrage gestellt, eine lokale Gruppe in Hamburg zu gründen. Keine Ahnung, ob und wie schnell das geht – ich warte gespannt, halte Euch über die Entwicklungen auf dem Laufenden und würde mich natürlich sehr freuen, viele Mittauscher zu finden!

Veröffentlicht von

Sandra, Texterin und Mutter, lebt mit Ellie, Mo und Christoph in Hamburg

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    • Liebe Annika, es wird – wenn alles glatt läuft und ich es zeitlich schaffe – demnächst eine Gruppe für Eimsbüttel-Süd/Schanze geben. Von daher: You are welcome!

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